Es gibt Frauen, die ihr halbes Leben lang eine leise Frage mit sich tragen: Was stimmt eigentlich mit mir nicht? Nach außen funktioniert vieles. Und doch ist da immer dieses Gefühl, anders zu sein als die anderen – ohne benennen zu können, warum.
Manche von ihnen erfahren erst mit 40, mit 50 oder noch später, woher dieses Gefühl kommt: Sie sind autistisch. Und plötzlich ergibt ein ganzes Leben rückblickend einen Sinn.
Ich möchte Ihnen von einer Frau erzählen. Nennen wir sie Nicole. Nicole gibt es so nicht – und doch werden sich viele in ihr wiedererkennen.
Das Mädchen am Rand des Schulhofs
Nicole war als Kind eher still. In der Schule stand sie oft am Rand, hatte wenige Freundinnen, brauchte das große Gewusel nicht. Sie war gern für sich. Auffällig war das nicht – ein ruhiges, braves Mädchen, ein bisschen schüchtern, ein bisschen eigen. So sagte man das damals.
Was Nicole hatte, war ein Thema, für das sie alles wissen wollte: Pferde. Sie kannte jede Rasse, jede Fellfarbe, jedes Detail. Sie konnte stundenlang darin versinken. Auch das fiel niemandem weiter auf – ein Mädchen, das Pferde liebt, das ist ja das Normalste der Welt.
Und genau hier beginnt die Geschichte, warum Nicole so lange durchs Raster fiel. Denn bei einem Jungen, der Zugfahrpläne auswendig lernt, werden Eltern und Lehrer irgendwann hellhörig. Bei einem Mädchen, das alles über Pferde weiß, dachte jeder: typisch, das wächst sich aus. Ihr intensives, fokussiertes Spezialinteresse trug ein Kleid, das niemand hinterfragte.
Das Bild, das wir alle im Kopf haben
Wenn wir „Autismus” hören, taucht bei den meisten sofort ein bestimmtes Bild auf. Wir kennen es aus Filmen und aus dem Fernsehen: der geniale, etwas weltfremde Mann, der Zahlenkolonnen im Kopf hat, aber mit dem Leben nicht zurechtkommt.
Dieses Bild ist fast immer männlich. Und weil es so fest in unseren Köpfen sitzt, rechnet kaum jemand damit, dass es auch eine Frau sein könnte – nicht die Lehrerin, nicht der Hausarzt, nicht die Familie, oft nicht einmal die Frau selbst.
Bei Frauen sieht Autismus jedoch häufig ganz anders aus. Unauffälliger. Angepasster. Genau deshalb wird er so oft übersehen. Das vertraute Bild schützt diese Frauen nicht – es versteckt sie.
Ein Leben lang die Kunst, dazuzugehören
Nicole hat früh gelernt, sich anzupassen. Sie hat beobachtet, wie andere sich verhalten, und es nachgemacht. Wann man lächelt. Wann man Blickkontakt hält. Welchen Satz man im Small Talk erwidert. Was bei anderen von allein läuft, ist für Nicole bewusste, anstrengende Arbeit – ein innerer Kraftakt, den keiner sieht.
Fachleute nennen das Masking: das Überdecken der eigenen Art, um nicht aufzufallen, um dazuzugehören. Nach außen wirkt Nicole dadurch souverän und freundlich. Was es sie kostet, merkt niemand. Oft nicht einmal sie selbst – sie hält es für normal, dass Kontakt sie so erschöpft.
Denn erschöpft ist sie. Nicht während der Begegnung, sondern danach. Sie funktioniert auf der Feier, im Elterngespräch, unter Kolleginnen – und fällt zu Hause in sich zusammen.
Vielleicht kennen Sie das ein Stück weit:
• dass Ihnen vieles schnell zu viel wird – zu laut, zu voll, zu viele Eindrücke auf einmal
• dass die üblichen Gespräche unter Frauen, dieses oberflächliche „Wie geht’s dir?”, Ihnen fremd bleiben und Sie sich darin schwer einfinden
• dass Sie lieber absagen und zu Hause bleiben, weil ein Abend unter Menschen Sie mehr kostet, als er Ihnen gibt
• dass Veränderungen im gewohnten Ablauf Sie stärker aus der Bahn werfen, als andere es verstehen können
Bei Nicole führt der Rückzug immer wieder zu Spannungen. Ihr Mann – ihr erster Freund, den sie mit sechzehn kennengelernt und später geheiratet hat – versteht nicht recht, warum sie schon wieder nicht mitkommen möchte. Solange die Kinder klein waren, war das nie ein Thema: Eine Mutter kleiner Kinder, die abends zu Hause bleibt, hinterfragt niemand. Das war die perfekte Tarnung. Erst als die Kinder größer wurden, fiel dieser Schutzraum weg – und sichtbar wurde, was vorher eine so selbstverständliche Erklärung hatte.
Als der geschützte Raum verschwand
Nicole ist Apothekerin. Und sie hat ihren Beruf geliebt – vor allem die Rezeptur. Hinten, im ruhigen Kämmerlein, Salben rühren, Kapseln herstellen, präzise und konzentriert, in ihrem eigenen Takt. Dort blühte sie auf. Man könnte sagen: Das Rühren und Mischen war die erwachsene Form dessen, was früher das Pferdewissen war – ein Ort, an dem ihr besonderer Fokus eine Stärke sein durfte.
Als die Kinder groß waren und sie wieder mehr arbeiten sollte, hatte sich die Apotheke verändert. Rezeptur wird kaum noch gemacht, das meiste kommt fertig. Nicole sollte nach vorn, an den Verkaufstresen: Kundengespräche, ein freundliches Gesicht für jeden neuen Menschen, Blickkontakt, Small Talk im Sekundentakt, Reize von allen Seiten, acht Stunden lang, ohne Rückzug.
Also genau das, was sie ihr Leben lang die meiste Kraft gekostet hat.
Und hier zeigt sich etwas Wichtiges: Nicht Nicole hat versagt. Ihr wurde der geschützte Raum genommen. Solange die Rezeptur da war, trug ihre Arbeit sie. Als diese Struktur wegfiel, brach hervor, was vorher aufgefangen worden war.
Wenn der Körper sagt, wofür es keine Worte gibt
Immer wieder ist Nicole in dieser Zeit krankgeschrieben. Aber sie kann nicht genau sagen, was ihr fehlt. Da sind Rückenschmerzen, ein Ziehen in den Beinen, schwere Glieder, eine Erschöpfung, die tiefer sitzt als bloße Müdigkeit. Sie kann nur beschreiben, was sie überfordert – den Tresen, den Lärm, die Menschen –, nicht, warum es sie so viel härter trifft als andere.
Beim Hausarzt findet sich nichts Fassbares. Kein klarer Befund, nichts Messbares. Und so entstehen Diskrepanzen: Er sieht eine Frau, die immer wieder ausfällt, ohne erkennbaren Grund. Sie fühlt sich nicht verstanden, gerät unter Rechtfertigungsdruck. Und jede dieser Begegnungen nährt die alte Frage: Was stimmt nur nicht mit mir?
Dabei meldet ihr Körper längst, wofür ihr die Worte fehlen. Eine Dauerüberlastung, die niemand als solche erkennt – weil die Ursache nicht im Rücken liegt und nicht in den Beinen.
Immer gab es eine Erklärung, die passte
Das ist das eigentlich Tragische an Nicoles Weg: An jeder Station gab es eine Erklärung, die plausibel klang und das Wesentliche zudeckte.
Als Kind war sie „schüchtern”. Als junge Frau „ein bisschen eigen”. Als Mutter „hat halt viel um die Ohren”. Später eine Frau mit „unklaren Beschwerden ohne Befund”. Jede Erklärung passte gerade gut genug, dass niemand weiterfragte – und die eigentliche Frage blieb offen.
Bis die Erklärungen ausgehen. Und die Frage zurückkommt.
Die Diagnose – erst ein Schock, dann eine Landkarte
Wenn dann zum ersten Mal das Wort „Autismus” fällt, trifft es hart. Sofort sind die alten Bilder da – der weltfremde Mann aus den Filmen, etwas Schweres, Fremdes, das mit dem eigenen Leben nichts zu tun zu haben scheint. Das kann ich doch nicht sein, denkt Nicole zuerst.
Diese erste Abwehr gehört dazu. Sie ist ehrlich.
Doch je mehr Nicole sich mit dem Thema beschäftigt – jenseits der Klischees –, desto mehr kippt das Gefühl. Aus der vermeintlichen Abwertung wird eine Erklärung. Ein Rahmen, in dem auf einmal alles zusammenpasst: die Stille am Schulhofrand, die Pferde, die Erschöpfung nach jeder Feier, der fremde Small Talk, der Verkaufstresen, die Krankschreibungen, die Schmerzen ohne Befund.
Nicole ist nicht falsch. Nicht kaputt. Nicht zu empfindlich. Sie funktioniert anders – und dafür gibt es endlich ein Wort.
Und dieses Wort nimmt ihr nichts. Es gibt ihr etwas: eine Landkarte. Sie weiß nun, was ihr guttut und was sie überlastet. Sie darf Rücksicht auf sich nehmen, statt sich täglich zu verbiegen. Sie kann ihr Leben so einrichten, dass es zu ihr passt – Reize dosieren, Grenzen setzen, die richtigen Räume für sich wählen. Nicht trotz ihrer Art, sondern mit ihr.
Eine wichtige Einordnung
Autismus bei Erwachsenen festzustellen, ist Aufgabe einer fachärztlichen oder psychologischen Diagnostik. Was in diesem Text beschrieben ist, ersetzt keine solche Abklärung und ist keine Diagnose. Es ist eine Einladung, genauer hinzuschauen.
Wenn Sie sich in Nicole wiedererkennen, muss das nicht bedeuten, dass Sie autistisch sind – vieles, was hier steht, kann auch andere Gründe haben. Es kann aber ein guter Anlass sein, der Frage nachzugehen, statt sie weitere Jahre mit sich zu tragen.
Wenn Sie sich wiedererkennen
Vielleicht lesen Sie diesen Text und spüren, dass er etwas in Ihnen berührt. Vielleicht ist da dieses vertraute Was stimmt nur nicht mit mir? – und zum ersten Mal die Ahnung, dass die Antwort keine Abwertung sein muss.
Der Weg nach einer späten Erkenntnis ist selten geradlinig. Oft kommt zuerst die Erleichterung, endlich einen Namen zu haben. Dann manchmal die Trauer um die vielen Jahre des Sich-Verbiegens. Und schließlich die Frage: Wie will ich mein Leben von hier an gestalten – so, dass es wirklich zu mir passt?
Diesen Weg müssen Sie nicht allein gehen. In meiner Praxis begleite ich Frauen dabei, sich nach einer späten Diagnose neu zu verstehen, den eigenen Bedürfnissen wieder zu trauen und Schritt für Schritt ein Leben zu gestalten, das zu ihrer Art passt.
Wenn Sie das anspricht, vereinbaren Sie gern ein erstes Gespräch. In diesem Erstgespräch lernen wir uns in Ruhe kennen, Sie schildern, was Sie beschäftigt, und wir schauen gemeinsam, ob und wie ich Sie begleiten kann – ganz ohne Druck und in Ihrem Tempo.
Denn was sich zuerst wie eine Grenze anfühlt, ist oft der Punkt, an dem eine Wendung beginnt. Ihre Falle ist Ihre Ressource. Sie müssen sich nur wenden.
Häufige Fragen
Woran erkenne ich Autismus bei Frauen?
Autismus zeigt sich bei Frauen oft anders und unauffälliger als das bekannte Bild aus Film und Fernsehen. Typisch können ein starkes Bedürfnis nach Rückzug sein, Erschöpfung nach sozialen Situationen, Schwierigkeiten mit oberflächlichem Small Talk, eine ausgeprägte Empfindlichkeit gegenüber Reizen wie Lärm oder Licht und intensive Interessen. Solche Merkmale können, müssen aber nicht auf Autismus hindeuten – sie lassen sich nur im Rahmen einer fachlichen Abklärung sicher einordnen.
Warum wird Autismus bei Frauen oft erst spät erkannt?
Viele Frauen haben früh gelernt, sich anzupassen und ihre Besonderheiten zu überspielen. Dieses sogenannte Masking sorgt dafür, dass nach außen kaum etwas auffällt. Hinzu kommt, dass das verbreitete Bild von Autismus stark männlich geprägt ist – deshalb rechnet oft niemand damit, dass auch eine Frau autistisch sein könnte. So bleibt es häufig bis ins Erwachsenenalter unentdeckt.
Was bedeutet „Masking” bei Autismus?
Masking beschreibt das Überdecken der eigenen Art, um nicht aufzufallen und dazuzugehören. Betroffene beobachten, wie andere sich verhalten, und passen sich bewusst an – etwa beim Blickkontakt, beim Lächeln oder im Gespräch. Nach außen wirkt das souverän. Innerlich ist es jedoch ein täglicher Kraftakt, der viel Energie kostet und oft zu Erschöpfung führt.
Kann eine Heilpraktikerin für Psychotherapie Autismus diagnostizieren?
Nein. Die formale Diagnostik von Autismus liegt bei entsprechend spezialisierten Ärztinnen und Ärzten oder Psychologischen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. Für meine Arbeit ist eine gesicherte Diagnose aber gar nicht die Voraussetzung: Wenn eine Frau bei mir sitzt, geht es nicht um ein Etikett, sondern darum, dass sie ihren Alltag besser bewältigt und mit sich selbst mehr in Einklang kommt. Verstehen und Annehmen stehen im Vordergrund – nicht der Name in einem Befund.
Was bringt eine späte Diagnose überhaupt noch?
Auch eine späte Erkenntnis kann viel verändern. Für viele Frauen ist sie vor allem eine Erleichterung: Endlich gibt es eine Erklärung für ein Gefühl, das sie ihr Leben lang begleitet hat. Mit diesem Verständnis lässt sich der Alltag neu gestalten – mit mehr Rücksicht auf die eigenen Bedürfnisse und weniger Druck, ständig zu funktionieren. Ob mit oder ohne formale Diagnose: Entscheidend ist, dass es Ihnen mit sich selbst besser geht.