Warum wir nicht mehr anrufen

Was verloren geht, wenn wir uns lieber schreiben und nicht mehr sprechen

Warum wir nicht mehr anrufen, obwohl es oft viel einfacher wäre, hat nicht nur mit WhatsApp und Co. zu tun. dahinter steckt auch unser Wunsch nach Kontrolle – und manchmal eine Unsicherheit, die wächst, je häufiger wir dem direkten Gespräch ausreichen.

„Ruf doch da mal eben an.“

Ein Satz, den ich zu Hause erstaunlich oft sage. Und bei meinen Kindern ernte ich darauf nicht selten einen Blick, als hätte ich etwas ziemlich Ungewöhnliches vorgeschlagen.

„Nee, ich hab ihm geschrieben.“

Oder: „Ich hab ihm gesnappt.“

Dann wartet man. Manchmal fünf Minuten, manchmal zwei Stunden. Manchmal kommt gar keine Antwort. Dabei hätte ein Anruf vermutlich 30 Sekunden gedauert. Ich beobachte das schon länger. Gerade bei jungen Menschen scheint das Telefonieren zunehmend etwas zu sein, das man vermeidet. Man schreibt. Man schickt Sprachnachrichten. Man tauscht Snaps aus. Aber einfach eine Nummer wählen und mit jemandem sprechen? Lieber nicht.

Und wenn ich ehrlich bin, ist mir das inzwischen selbst gar nicht mehr so fremd. Auch ich schreibe manchmal eine WhatsApp, obwohl ein Anruf schneller wäre. Man möchte nicht stören. Man denkt, der andere ist vielleicht beschäftigt. Oder man findet es schlicht bequemer, eine Nachricht zu schicken.

Das ist zunächst einmal nur eine Veränderung unserer Kommunikation. Aber ich finde die Frage dahinter viel interessanter:

Was passiert eigentlich mit uns, wenn wir immer weniger spontan miteinander sprechen?

Schreiben gibt uns Sicherheit. Eine Nachricht hat einen großen Vorteil: Wir behalten die Kontrolle.

Ich kann überlegen, was ich schreibe. Einen Satz wieder löschen. Ihn freundlicher formulieren. Ein Emoji dahintersetzen, damit er nicht falsch verstanden wird. Ich kann eine Nachricht lesen und erst später antworten.

Beim Telefonieren geht das nicht. Da ist der andere plötzlich da. Ich muss reagieren. Vielleicht entsteht eine Pause. Vielleicht weiß ich nicht sofort, was ich sagen soll. Vielleicht kommt eine Frage, mit der ich nicht gerechnet habe. Oder das Gespräch entwickelt sich in eine ganz andere Richtung als erwartet.

Und noch etwas können wir beim Schreiben besser kontrollieren: die Zeit. Wenn ich eine Nachricht schreibe, entscheide ich selbst, wann ich mich damit beschäftige und wie lange. Bei einem Anruf weiß ich vorher nicht, ob das Gespräch zwei Minuten oder eine halbe Stunde dauert. Vielleicht möchte ich längst auflegen, finde aber keinen guten Moment, das Gespräch zu beenden.

Beim Schreiben können wir Kommunikation gewissermaßen portionieren. Wir bestimmen Zeitpunkt, Tempo und ein Stück weit auch die Dauer. Ein Telefonat ist weniger berechenbar. Und vielleicht liegt genau darin einer der Gründe, warum Schreiben sich für viele Menschen angenehmer und sicherer anfühlt.

Was wir vermeiden, wird nicht unbedingt leichter.

Natürlich ist nicht jeder, der lieber eine WhatsApp schreibt, unsicher beim Telefonieren. Manchmal ist eine Nachricht einfach praktischer. Interessant wird es für mich dort, wo aus einer Vorliebe eine Vermeidung wird. Denn ein Gespräch zu führen bedeutet, ein kleines Maß an Ungewissheit auszuhalten. Wir müssen zuhören, spontan reagieren, eine Pause aushalten, nachfragen, Missverständnisse klären und manchmal einen Satz beginnen, ohne schon genau zu wissen, wie wir ihn beenden werden.

All das üben wir ganz nebenbei, indem wir es tun. Tun wir es immer seltener, kann das Ungewohnte größer werden. Und daraus kann ein Kreislauf entstehen: Je seltener ich telefoniere, desto unangenehmer fühlt es sich möglicherweise an. Je unangenehmer es sich anfühlt, desto eher weiche ich auf eine Nachricht aus. Und je häufiger ich ausweiche, desto weniger mache ich die Erfahrung: Ich kann das.

„Kannst du da bitte für mich anrufen?“

Genau das begegnet mir auch in meiner Praxis. Menschen erzählen mir, dass sie bestimmte Telefonate möglichst vermeiden. Einen Termin vereinbaren. Beim Arzt oder dem Geschäftspartner nachfragen. Irgendwo etwas klären.

„Ich mag da nicht anrufen.“

„Das macht immer mein Partner.“

„Ich schreibe lieber eine Mail.“

Manchmal wird ein eigentlich unkomplizierter Anruf tagelang vor sich hergeschoben. Nicht unbedingt, weil das Anliegen besonders schwierig wäre, sondern weil das Telefonat selbst zur Hürde geworden ist.

Was daran unangenehm ist, kann sehr unterschiedlich sein.

Der eine hat Sorge, nicht die richtigen Worte zu finden. Die andere befürchtet eine unerwartete Frage und weiß nicht, ob ihr spontan eine Antwort einfällt. Manche empfinden schon den Moment unangenehm, in dem es am anderen Ende klingelt und sie nicht wissen, wer gleich abnimmt. Beim Schreiben lassen sich viele dieser Unsicherheiten vermeiden. Und das fühlt sich zunächst gut an. Der Partner übernimmt den Anruf. Ich schreibe eine Mail. Ich verschiebe es auf morgen.

Vermeidung verschafft kurzfristig Erleichterung.

Genau das macht sie so attraktiv. Nur kann sie langfristig dazu führen, dass die Hürde nicht kleiner, sondern größer wird. Denn ich mache eine wichtige Erfahrung nicht: Es war vielleicht unangenehm, aber ich habe es geschafft.

Stattdessen bleibt eher hängen: Gut, dass ich das nicht machen musste.

Beim nächsten Mal greife ich dann vielleicht noch schneller zur Nachricht.

Was dabei verloren gehen kann

Nun könnte man sagen: Na und? Dann schreiben wir eben. Kommunikation verändert sich schließlich.

Natürlich. Ich möchte auch ganz sicher nicht zurück in eine Zeit ohne WhatsApp, E-Mail und all die Möglichkeiten, die uns digitale Kommunikation bietet. Aber Schreiben und Sprechen sind nicht einfach zwei verschiedene Wege, dieselbe Information zu übermitteln. Eine Stimme verrät uns etwas.

Wir hören, ob jemand fröhlich klingt. Ob er erschöpft ist. Ob er zögert. Ob ein „Mir geht’s gut“ tatsächlich nach gut klingt. Wir hören ein ungeplantes Lachen. Wir bemerken eine Pause. Vielleicht fragen wir genau deshalb:

„Was ist denn los?“

Und manchmal beginnt erst dort das eigentliche Gespräch. Beim Schreiben reagieren wir vor allem auf das, was jemand uns mitteilt. Im Gespräch reagieren wir zusätzlich auf das, was wir wahrnehmen.

„Ach, wo ich dich gerade dran habe …“

Vielleicht ist das einer der Sätze, die mir beim Schreiben am meisten fehlen. Man ruft wegen einer Kleinigkeit an. Eigentlich ist nach zwei Minuten alles geklärt. Und dann sagt einer:

„Ach, wo ich dich gerade dran habe …“

Plötzlich redet man über die Kinder. Über die Arbeit. Über etwas, das einen beschäftigt. Oder über überhaupt nichts Wichtiges. Aus zwei Minuten werden zwanzig. Solche Gespräche kann man nicht planen. Und man kann sie auch nicht besonders gut optimieren.

Vielleicht liegt gerade darin ihr Wert.

Denn Beziehungen bestehen nicht nur aus den wichtigen Dingen, die wir einander mitteilen müssen. Nähe entsteht auch in dem, was ungeplant dazwischen passiert.

Viel Kontakt – und trotzdem einsam?

Wir können heute praktisch jederzeit mit fast jedem Menschen Kontakt aufnehmen. Wir schicken Nachrichten, Fotos, Videos und Sprachnachrichten. Wir wissen manchmal schon morgens, was Freunde am anderen Ende Deutschlands am Abend zuvor gegessen haben. Und trotzdem kann man sich einsam fühlen. Das ist kein Widerspruch. Denn Kontakt und Verbundenheit sind nicht dasselbe.

Ich kann den ganzen Tag Nachrichten bekommen und mich abends trotzdem allein fühlen. Nähe entsteht nicht allein dadurch, dass Informationen zwischen zwei Menschen hin- und hergehen. Sie entsteht auch dadurch, dass wir einander erleben.

Eine Stimme hören. Gemeinsam lachen. Gleichzeitig schweigen. Merken, dass jemand wirklich zuhört. Oder dass jemand etwas wahrnimmt, das wir gar nicht ausgesprochen haben. Digitale Kommunikation kann Nähe schaffen und Beziehungen erhalten. Aber sie ersetzt nicht automatisch jede Form des unmittelbaren Austauschs.

Mehr Kommunikation bedeutet nicht zwangsläufig mehr Verbundenheit.

Was bedeutet das für junge Menschen?

Ich möchte daraus keine Geschichte machen, in der früher alles besser war.

War es nicht. Junge Menschen kommunizieren heute anders. Freundschaften entstehen digital, werden digital gepflegt und können dort genauso wichtig und echt sein.

Trotzdem finde ich es wichtig hinzuschauen, wenn das direkte Gespräch nicht nur seltener wird, sondern zunehmend als unangenehm erlebt und deshalb vermieden wird. Denn irgendwann muss man vielleicht einen Arzt anrufen. Einen Arbeitgeber. Eine Behörde. Oder einen Menschen, mit dem etwas Schwieriges zu klären ist.

Dann hilft die Erfahrung:

Ich kann ein Gespräch beginnen, obwohl ich nicht weiß, wie es verlaufen wird. Vielleicht ist Telefonieren deshalb eine kleine soziale Übung, die wir unterschätzen. Nicht, weil jeder Mensch gern telefonieren muss.

Sondern weil wir dabei etwas trainieren, das weit über das Telefon hinausgeht: spontan auf einen anderen Menschen zu reagieren, Unsicherheit auszuhalten, Zwischentöne wahrzunehmen und ein Gespräch entstehen zu lassen, ohne es vorher vollständig kontrollieren zu können.

Vielleicht einfach mal wieder anrufen

Ich werde weiterhin WhatsApp schreiben. Wahrscheinlich auch in Situationen, in denen ein Anruf schneller wäre. Aber vielleicht lohnt es sich, gelegentlich einen Moment innezuhalten und sich zu fragen:

Warum schreibe ich gerade?

Weil es tatsächlich praktischer ist?

Oder weil ich dem unmittelbaren Gespräch lieber aus dem Weg gehe?

Denn wenn wir immer die Kommunikationsform wählen, bei der wir Zeitpunkt, Formulierung, Dauer und Reaktion möglichst gut kontrollieren können, verlieren wir vielleicht etwas, das zwischen Menschen wichtig ist:

die Bereitschaft, uns aufeinander einzulassen, ohne vorher genau zu wissen, was daraus entsteht.

Vielleicht muss daraus gar kein großes Vorhaben werden.

Beim nächsten Mal, wenn wir schon anfangen, eine längere Nachricht zu tippen, könnten wir einfach einmal auf „Anrufen“ drücken.

Vielleicht dauert das Gespräch zwei Minuten.

Vielleicht zwanzig.

Vielleicht erzählt der andere plötzlich etwas, das er uns niemals geschrieben hätte.

Und vielleicht geht er auch einfach nicht ran.

Dann können wir ihm ja immer noch schreiben.

Wenn du dich in diesem Thema wiedererkennst und merkst, dass Telefonate oder andere direkte Gespräche dich stark verunsichern oder du sie immer wieder vermeidest, kann es hilfreich sein, genauer hinzuschauen: Was steckt eigentlich dahinter? Ist es die Angst, etwas Falsches zu sagen? Die Sorge vor einer unangenehmen Reaktion? Das Gefühl, spontan nicht gut reagieren zu können – oder etwas ganz anderes?

In meiner Praxis können wir gemeinsam herausfinden, woher diese Unsicherheit kommt und was dir helfen kann, wieder mehr Sicherheit im direkten Kontakt zu gewinnen. Wenn du möchtest, schreib mir gern.

 

Erfahrung, die meinen Blick geprägt hat.

Mein beruflicher Weg begann in der Wirtschaft: Nach einer Ausbildung zur Versicherungskauffrau und einem Studium der Betriebswirtschaft war ich viele Jahre im Marketing und in der Unternehmenskommunikation tätig – zuletzt in verantwortlicher Position in einem norddeutschen Immobilienunternehmen. Auch heute arbeite ich im Bereich Kommunikation und Strategie in einer Unternehmensberatung. Ich kenne die Dynamiken, die entstehen, wenn Verantwortung, Erwartungen und Zeitdruck zusammenkommen, und wie schnell Menschen dabei die Orientierung verlieren können.

Diese Erfahrungen haben meinen Blick geprägt und mich zu einer weiteren Ausrichtung geführt: der Arbeit mit Menschen in belastenden Lebenssituationen. Ich habe eine Ausbildung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie absolviert und mich unter anderem in der Yager-Code-Methode weitergebildet. Heute begleite ich Menschen dabei, wieder Klarheit zu gewinnen und einen stimmigen Umgang mit dem zu finden, was sie bewegt.

Dabei ist mir wichtig, einen ruhigen, klaren und vertrauensvollen Rahmen zu schaffen, in dem alles Platz haben darf, ohne Druck und ohne Bewertung.